Ein Plädoyer für Mut im Ungewissen
Entscheidungen gehören zum Leben – und lösen bei vielen Menschen Unsicherheit aus. In meinem Beratungsalltag höre ich bei den Klient:innen immer wieder die Befürchtung heraus, den „falschen“ Weg einzuschlagen.
Ein Vortrag von Barbara Bleisch hat mich dazu inspiriert, Entscheidungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten: nicht als Risiko, das es zu vermeiden gilt – sondern als wesentlichen Teil eines lebendigen Lebens.
Vielleicht beginnt alles mit einer solidarischen Haltung:
Dass wir uns gegenseitig bewusst darin bestärken, Entscheidungen nicht perfekt, sondern mutig zu treffen.
Denn jede Entscheidung führt uns in Erfahrung. Und genau darin liegt ihr Wert. Wir wissen im Voraus nicht, wie sich ein Weg entwickeln wird, wie er uns verändert oder welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Leben heisst auch, sich auf diese Offenheit einzulassen.
Dabei gehört es zur Realität des Entscheidens, dass wir nicht alles gleichzeitig haben können. Bedauern und Versöhnen sind Teil dieses Prozesses. Wir müssen diese beiden Empfindungen nicht als Störung sehen, sondern können sie als Grundmelodie eines reichen Lebens verstehen. Ein Leben, in dem wir wählen – und damit auch verzichten.
Wir tragen Sehnsüchte in uns und dürfen ihnen Raum geben. Sie machen unser Leben bunt, lebendig, vielschichtig. Schenken Sie ihnen Vertrauen. Oft zeigen sie sich leise. In kleinen, kaum merklichen Impulsen. Ein Gedanke, der wiederkommt. Ein Interesse, das im Hintergrund leise mitklingt. Ein sanftes, inneres Ziehen in eine bestimmte Richtung. Gerade diese unscheinbaren Regungen verdienen Aufmerksamkeit. Vielleicht sind sie Hinweise darauf, was für uns bedeutsam ist?
Und wenn Angst auftaucht?
Dann kann es helfen, sich – ganz im Sinne der stoischen Lehre – dem schlimmstmöglichen Szenario zuzuwenden («praemeditatio malorum»). Was wäre, wenn es tatsächlich so käme? Oft zeigt sich dabei: Ja, es wäre unangenehm. Vielleicht herausfordernd. Aber wir würden es aushalten. Wir würden Wege finden, damit umzugehen.
Und wir sind dabei nicht allein, sondern sozial eingebettet – in Beziehungen, Gemeinschaften und Strukturen, die uns tragen können. Dieses Wissen kann entlasten.
Entscheiden heisst auch, sich der eigenen Werte bewusst zu werden und sie situativ zu gewichten. Welche Bedeutung gebe ich den verschiedenen Bereichen meines Lebens? Was ist mir jetzt am wichtigsten? Entscheidungen sind nicht nur rationale Abwägungen – sie sind Ausdruck dessen, was wir für ein gutes Leben halten.
Und ja: Das Leben ist riskant.
Doch gleichzeitig verfügen wir über einen gesunden Menschenverstand, mit dem wir uns ein eigenes Urteil bilden können. Wir dürfen beim Entscheiden ein eigenes Gefühl für Stimmigkeit und Sicherheit entwickeln. Ein inneres Vertrauen: Ich bin gehalten und werde einen Weg finden.
Auch als Gesellschaft sind wir gefragt. Wenn wir einander im Entscheiden unterstützen wollen, bedeutet das, weniger schnell zu urteilen. Weniger mit dem Finger aufeinander zu zeigen, wenn etwas nicht gelingt. Mehr Verständnis dafür zu entwickeln, dass jede Entscheidung unter Unsicherheit getroffen wird. Gerade weil wir in dieser Erfahrung alle ganz Mensch sind, können und dürfen wir füreinander da sein.

